endspurt
Die letzten Tage hier sind ebenso arbeitsreich wie turbulent. Ich bezweifle fast, dass ich noch die Zeit bzw. die Muße haben werde, weitere Blogeinträge zu verfassen. Zwar habe ich mir vorgenommen, vor meiner Rückkehr wenigstens einige Fotos zu posten, aber versprechen möchte und kann ich das nicht. Falls das nicht klappt, sehen wir uns nächste Woche…
freizeitstress
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Wochenende erlebt habe, das (im positiven Sinne) so anstrengend war. Am Freitagabend war ich mit Paola, Fernando, Enrique, Nico und vielen anderen (deren Namen ich nicht verstanden oder die ich vergessen habe) in der “Zona Rosa” - einem Ausgehviertel von Bogotá - unterwegs. Und es hat den gesamten Samstag gedauert, um wenigstens die heftigsten körperlichen Beschwerden, die als Folge dieser Nacht aufgetreten sind, wieder loszuwerden.
Heute morgen (Sonntag) habe ich mich dann um halb sechs aus dem Bett gequält, um im Schutz einer kolumbianischen Wandergruppe ein wenig von der ländlichen Umgebung Bogotás kennenzulernen. Wir sind mit einem kleinen Bus über holprige Straßen in ein kleines, eine Autostunde entferntes Dorf gefahren, um von dort ungefähr zehn Kilometer weit durch tropische Hügel zu laufen:

Am Anfang des Wanderung war die Vegetations meist sehr dicht und es kamen Geräusche aus dem Dickicht, die ich sonst nur aus Vietnam-Filmen kenne. Deshalb kam ich mir ziemlich schnell vor wie im Dschungel (obwohl mir natürlich klar war, dass ein richtiger Regenwald anders aussieht).

Der Weg, den wir im Verlauf des Vormittags zurücklegten, führte vor allem durch bewaldete Täler, was einige Flussüberquerungen nötig machte. Normalerweise ist das kein Problem, weil es eigentlich immer eine Hängebrücke gibt, die man benutzen kann. Doch aufgrund der heftigen Regenfälle der letzten Monate sind viele dieser Bauwerke stark beschädigt oder völlig hinüber:

Nach der Mittagspause kamen wir dann in offeneres Gelände. Das war jedoch nicht unbedingt ein Vorteil, denn es gab einige steile Anstiege, die im Schein der gnadenlosen Sonne bewältigt werden mussten. Zu diesem Zeitpunkt setzte mein Kater wieder ein, und ich hörte (als eine Art Endlosschleife) Niklas Stimme in meinem Kopf, die in einem wehleidigen Ton sagte: “Es ist sooo heiß…”
Fazit: Ich kann sowohl das Ausgehen in Bogotá als auch das Wandern im Umland empfehlen. Allerdings sollte man darauf achten, dass mindestens zwei Tage zwischen den beiden Events liegen.
fast food

In meinem Reiseführer gibt es einen Abschnitt, in dem die kolumbianische Küche abgehandelt und angepriesen wird. Den westlichen Reisenden wird dort primär empfohlen, traditionelle Gerichte wie die “bandeja paisa” oder den oben abgebildeten Eintopf “sancocho” zu probieren. Ich kann mich diesen Empfehlungen im großen und ganzen anschließen, möchte aber hinzufügen, dass eine Reise durch Kolumbien meiner Meinung nach unbedingt auch den Besuch von Fastfood-Restaurants einschließen sollte. Denn in keinem Teil der Welt, in dem ich bisher war, wurden so leckere Hamburger serviert wie hierzulande - vorausgesetzt man weiß, wo man hingehen muss.
Ich habe mittlerweise eine Reihe von Fastfood-Läden durchprobiert und bin zu folgendem (vorläufigen) Ergebnis gekommen: Am unteren Ende meines privaten Rankings steht der ranzige Imbiss bei mir ums Eck, dessen Burger ebenso groß und billig wie übelriechend sind (und die einen undefinierbaren, aber penetranten Beigeschmack aufweisen). Nur wenig besser schneiden die beiden Giganten McDonalds und Burger King ab, in deren Filialen man das gleiche langweilige Zeug wie in Europa bekommen kann. Geschmackliche Spitzenklasse sind dagegen die kleine Hamburgueseria in der Carrera 25 sowie die Kette “El Corral”.
Leider ist - wie so oft in Kolumbien - meine Freude an diesem Genuss nicht ungetrübt. Das liegt zum einen daran, dass ich nach einem Besuch bei “El Corral” stets so dermaßen satt bin, dass der bloße Gedanke an (mehr) Essen unerträglich ist und mir Übelkeit verursacht. Ich fühle mich dann immer, als könnte ich nie wieder feste Nahrung zu mir nehmen.
Vor allem aber verursacht der Verzehr eines Burgers neben den körperlichen Beschwerden auch gewisse mentale Bauchschmerzen, weil viele der großen Rinderfarmen, die es in Kolumbien gibt, das Endprodukt eines blutigen Konzentrationsprozesses sind, der seit Jahrzehnten in unveränderter Form abläuft: Zunächst wird ein bis dahin unbesiedeltes Gebiet von kleinbäuerlichen KolonistInnen urbar gemacht. Nach Abschluss der Kolonisierung versuchen dann Großgrundbesitzer, sich diese Grundstücke gewaltsam anzueignen. Sie tun dies, indem sie bewaffnete Gruppen für ihre Zwecke anheuern oder ins Leben rufen. In der Folge werden dann - zumeist unter dem Deckmantel der “Guerillabekämpfung” - Menschen ermordet oder aus ihren Dörfern vertrieben. Da in vielen ruralen Zonen keine Eigentumsurkunden existieren, ist es für die Autraggeber der Verbrechen nicht weiter schwierig, die gewaltsam “befreiten” Agrar-Flächen dem eigenen Besitz hinzuzufügen. Auf diese Weise entstehen und entstanden viele der Monokulturen im Land - nicht nur Rinderfarmen, sondern beispielsweise auch Bananenplantagen.
Selbstversändlich lässt sich an dieser Stelle der Einwand erheben, dass es für mentale Bauchschmerzen in diesem speziellen Fall keinen Grund gibt, weil schließlich viele der Produkte, die ich hier oder auch in Europa kaufe, eine ähnlich brutale Entstehungsgeschichte haben. Das ist sicherlich richtig, und ich bin mir auch der Tatsache bewusst, dass es sehr schwierig ist, nicht auf die eine oder andere Weise durch den eigenen Konsum kriminelle Geschäftspraktiken mitzufinanzieren. Dennoch fällt es mir in Kolumbien schwerer, dies mit einem resignierten Achselzucken hinzunehmen, weil hier die Kette zwischen den EndverbraucherInnen und den Opfern der Gewalt nun einmal sehr kurz ist.
presseberichterstattung
Wenn ich Zeit zu einem ausgiebigen Frühstück habe (was relativ oft der Fall ist), dann vertiefe ich mich währenddessen gerne in die Erzeugnisse der kolumbianischen Presse. Dabei interessiert mich nicht nur, was hierzulande passiert, sondern auch die Berichterstattung über das Geschehen in Europa und in der BRD.
Letztere ist vor allem deshalb interessant, weil hier vieles aus einer anderen Perspektive bzw. in einem anderen Referenzrahmen betrachtet wird. Beispielsweise habe ich letzte Woche einen Artikel gelesen, in welchem die Wirtschaftskrise der Staaten der Europäischen Union thematisiert wurde. In diesem Beitrag wurden Parallelen gezogen zwischen der Situation in Europa heute und der schweren Wirtschaftskrise in Südamerika während der 1980er Jahre. Der Artikel endete mit der Feststellung, dass Europa und Lateinamerika mittlerweile die Rollen getauscht hätten und dass es nun an den europäischen Staaten wäre, sich ein Beispiel an erfolgreichen Volkswirtschaften wie Brasilien, Chile oder Kolumbien zu nehmen.
Deshalb war mein Interesse sofort geweckt, als ich heute morgen festgestellt habe, dass die Zwickauer Nazi-Terrorgruppe auch in Kolumbien Schlagzeilen macht:

Wie man bereits an der etwas reißerischen Aufmachung sehen kann, handelt es sich hierbei um ein mittelmäßiges Stück journalistischer Arbeit, das niveaumäßig in etwa auf der Höhe von Spiegel und Fokus angesiedelt ist. Immerhin werden auf der Doppelseite nicht nur die grausamen Taten wiedergegeben, sondern auch einige Rahmenbedingungen benannt, die die Mordserie begünstigten: rassistische Tendenzen in den Polizeiapparaten, die die Ermittlungen in falsche Richtungen abgleiten lassen; Verfassungsschutzbehörden, von denen man nicht weiß, ob sie die Täter unterstützten oder verfolgten (oder beides); eine viele tausend Mitglieder umfassende Naziszene usw.
Der Tenor des Artikels ist ein Zeichen dafür, dass die VerfasserInnen ein wenig dem Cliché vom zivilisierten Europa verfallen sind. Sie sind einigermaßen irritiert davon, dass “in einem der sichersten Länder der Welt”, dessen Sicherheitsbehörden noch dazu als unbestechlich, korrekt und effizient gelten, eine rechtsextreme Terrorgruppe jahrelang morden konnte, ohne dass ihre Existenz öffentlich bekannt wurde.
landpartie

Am Wochenende war ich zu Besuch auf dieser Finca, die Paolas Familie gehört. Sie liegt ca. zehn Kilometer entfernt von der Stadt Villavicencio, die wiederum 50 Kilometer südöstlich von Bogotá zu finden ist.
Weil Villavicencio 2000 Meter tiefer als Bogotá liegt, herrscht dort tropisches Klima (nach all den kühlen Regenfällen der letzten Wochen fand ich die schwülwarme Luft mehr als angenehm). Diese Region Kolumbiens ist ziemlich flach und erinnerte mich spontan an Ostfriesland, wobei natürlich gewisse Differenzen bestehen, was die Flora (und Fauna) angeht:

Alles in allem war es ein hervorragendes Wochenende mit netten Menschen und einigen kulinarischen Höhepunkten, wie beispielsweise dieser mir bislang unbekannten Frucht (deren Namen mir leider entfallen ist):

Insofern war es kein Wunder, dass am Sonntagnachmittag niemand wirklich Lust hatte, ins kühle Bogotá zurückzukehren.
popkultur
Gestern abend habe ich mit Paola Musik ausgetauscht. Dabei hat sich herausgestellt, dass es viele Überschneidungen zwischen der mitteleuropäischen und der kolumbianischen Popkultur gibt, was angesichts des homogenisierenden Einflusses des Internets, der großen Plattenfirmen und der Musikkanäle kaum überraschen kann. Da jedoch die Verbreitung von nordamerikanischer oder europäischer Popmusik in den Rest der Welt besser funktioniert als in umgekehrter Richtung, gibt es in Lateinamerika Stars mit Kultstatus, die in Mitteleuropa keiner kennt.
Ein Beispiel hierfür ist die peruanische Sängerin Wendy Sulca, die gerade mal 15 Jahre alt ist und schon in mehreren Youtube-Videos mit Hits im zweistelligen Millionenbereich aufgetreten ist. So sang sie 2009 in dem Clip “cerveza, cerveza” über die Freuden des Biertrinkens und in dem Video “la tetita” über das Glück, das ein Kind empfindet, wenn es an der Mutterbrust seinen Hunger stillt.
Ihren größten Hit landete sie letztes Jahr im April, zusammen mit dem ecuadoreanischen Sänger Delfín Quishpe - bekannt als “Delfín hasta el fin” (Delphin bis zum Ende) - und der peruanischen Sängerin “La Tigresa del Oriente” (die Tigerin des Ostens). Der Song der drei trägt den Titel “En su tierra bailaré” (auf deinem Boden werde ich tanzen) und ist eine Liebeserklärung an Israel.
Für jemanden, der trashige Musik und schräge Videoclips mag, bietet der dazugehörige Clip alles, was das Herz begehrt: schiefe Gesänge, schlechte Effekte, einen Zoo als No-Budget-Kulisse, billigen Pathos und Lyrics, die an Tumbheit nichts zu wünschen übrig lassen. Aber seht selbst:
http://www.youtube.com/watch?v=TuSSlFZ8cfA
In meinem Gehirn hat sich der Song jedenfalls sofort festgesetzt. Eine geniale Performance.
streikende studierende III
Ich hatte heute vormittag ein Gespräch mit dem Jesuitenpater Gabriel Izquierdo von der Universidad Javeriana. Er ist Theologe und Ethnologe und hat jahrelang im Putumayo, einer Konfliktregion im Süden Kolumbiens, gearbeitet (bis die wachsende paramilitärische Präsenz zu viele Personen aus seinem Umfeld das Leben gekostet hat und er sich nach Bogotá zurückziehen musste).
Mit ihm habe ich mich nicht nur über mein Promotionsprojekt unterhalten, sondern auch über die aktuellen Entwicklungen in der kolumbianischen Gesellschaft. Erstaunlicherweise fiel sein Fazit bzw. seine Prognose vorsichtig optimistisch aus: Er ist der Meinung, dass es in Kolumbien seit kurzem gewisse Entwicklungen gibt, die in die richtige Richtung führen.
Ein Punkt, der in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit verdient, ist die Tatsache, dass es den Studierenden mit ihrem weitgehend gewaltfreien Protest gelungen ist, sich gegen die Regierung durchzusetzen. Denn in Kolumbien gibt es eine Lange Tradition, soziale Konflikte jedweder Art durch den Einsatz von Gewalt zu lösen. Bis vor einigen Jahren hätten Polizei und Militär noch mit großer Brutalität die Proteste niedergeschlagen.
Zwar kann man nicht sagen, dass die Proteste der Studierenden unumstritten gewesen wären - es gab zahlreiche prominente Stimmen, die der Regierung Santos wegen des Ausbleibens repressiver Maßnahmen Schwäche vorwarfen. Doch als Francisco Santos (seines Zeichens Ex-Vizepräsident der Republik und Cousin des aktuellen Präsidenten) den Einsatz von Tasern zur Auflösung der studentischen Verkehrsblokaden forderte, wurde er in den sozialen Netzwerken und den Medien so stark kritisiert, dass er am Ende genötigt war, sich bei den Studierenden für seine Äußerungen zu entschuldigen. Es sieht also tatsächlich so aus, als wehe ein Hauch von Zivilgesellschaft durch die Hauptstadt.
kulinarische ikonen
Auf Drängen meiner lieben MitbewohnerInnen (und natürlich auch, weil es mir Spaß macht), präsentiere ich an diesem total verregneten Dienstag ein paar Bilder von Gerichten, die ich im Verlauf der letzten Wochen gegessen habe.
Das erste Bild zeigt eine Variante der “bandeja paisa”:

In diesem Fall handelt es sich dabei um ein Stück gegrilltes Rindfleisch, begleitet von nicht weniger als vier Stärkebeilagen: Kartoffel, Yucca, Reis und Linsen. Serviert wurde mir dieses Ensemble auf der Rückfahrt nach Bogotá auf einer Raststätte. Solide traditionelle Küche.
Als nächstes Exponat habe ich ein Foto ausgewählt, auf dem der “hamburguesa especial” einer Imbißbude in Bucaramanga zu sehen ist:

Selbstverständlich handelt es sich dabei um ein Gericht aus der Reihe “Fleisch mit Fleisch”. Neben dem obligatorischen Rinderhack befanden sich eine Art Hühnerfrikassee sowie Pressschinken, Käse und Zwiebelringe zwischen den Brötchenhälften (nicht zuletzt aufgrund der Hühner-Komponente war diese Komposition unglaublich schmackhaft).
Das dritte Bild zeigt ein Triptychon, das fast so etwas wie mein Standard-Frühstück geworden ist:

Mehrmals in der Woche suche ich morgens eine nahe gelegene Bäckerei auf, um Kaffee, Rührei mit Schinken sowie einen frischen Lulo-Saft zu mir zu nehmen.
Zuletzt möchte ich der interessierten Öffentlichkeit noch das Bild der Eier-Kartoffel-Fisch-Suppe präsentieren, die ich in meinem Hotel in Bucaramanga zum Frühstück serviert bekam:

Geschmeckt hat sie übrigens viel besser als sie aussieht.
end of part one
Heute habe ich wieder elf Stunden im Bus gesessen - auf der Fahrt von Bucaramanga zurück nach Bogotá. Zum ersten Mal seit Tagen hatte ich ein wenig Zeit zum Nachdenken. Bei dieser Gelegenheit ist mir bewusst geworden, dass bereits die Hälfte meines Kolumbienaufenthalts hinter mir liegt. Die Tage in Bucaramanga sind so schnell vergangen, dass ich es kaum glauben kann.
Auf die vergangene Woche rückblickend muss ich feststellen, dass mir während des Filmfestivals erst richtig klar geworden ist, was die eigentliche Herausforderung dieser Reise ist. Nämlich: sich in zwei verschiedenartigen Realitäten zurechtzufinden, die sich immer wieder überlagern, durchdringen und aneinander reiben.
Was genau ich damit meine, lässt sich vielleicht am besten an einem Beispiel illustrieren: Die Region Santander, deren Hauptstadt Bucaramanga ist, wird in meinem Reiseführer als idyllische Gebirgsregion beschrieben, die sich ideal zum Wandern, Raften, Paragliden oder Mountainbiken eignet. Und das ist nicht gelogen. Sowohl die Einheimischen als auch die Touristen machen von diesen Möglichkeiten reichlich Gebrauch. Doch gleichzeitig ist die Region auch ein Schauplatz von Todesdrohungen, Vertreibungen und extralegalen Hinrichtungen. Im Departamento Santander sind mehrere paramilitärische Organisationen aktiv (obwohl sie offiziell seit Jahren nicht mehr existieren). Durch sie werden beispielsweise Gewerkschaftsmitglieder bedroht oder entführt, Kleinbauern aus nichtigen Gründen exekutiert. Viele Leute, mit denen ich in Bucaramanga zu tun hatte, mussten erleben, wie Angehörige oder Freunde entführt wurden oder einfach spurlos verschwanden (was mit großer Sicherheit bedeutet, dass sie von den Paramilitärs ermordet und irgendwo verscharrt wurden).
Es gibt also einerseits das offizielle, chaotisch-liebenswerte, landschaftlich schöne, touristische Kolumbien, in dem die PolizistInnen freundlich und die Menschen hilfsbereit sind. (Zu dieser Sphäre gehörtbeispielsweise das Hotel, in dem ich gewohnt habe, mitsamt der gepflegten grauen Katze, die es sich jeden Abend auf der Armlehne eines der eleganten Ledersofas in der Lobby gemütlich machte; mitsamt dem Springbrunnen, der im Hintergrund plätscherte; und mitsamt den tropischen Pflanzen, die dem Raum ein angenehmes Ambiente verliehen.) Andererseits und zeitgleich existiert aber auch das, was der Journalist Hollman Morris als “la otra Colombia” (das andere Kolumbien) bezeichnet. Es handelt sich hierbei um das Kolumbien der Menschenrechtsverletzungen, in dem der unbewaffnete Teil der Bevölkerung mehr oder weniger hilflos den Schikanen der bewaffneten Gruppierungen ausgeliefert ist.
Mittlerweile habe ich mehrfach erlebt, dass der Wechsel von der einen in die andere kolumbianische Realität oftmals sehr abrupt und unerwartet erfolgt. Am Freitagabend wurde als letzter Festivalbeitrag ein Film gezeigt, der von der langen Suche einer Frau nach ihrem verschwundenen Sohn erzählte. Eben diese Frau war an jenem Abend anwesend und stellte sich im Anschluss an den Film den Fragen des Publikums. Als die Q&A-Session vorbei war, öffneten sich die Türen des Saals und eine Folklore-Tanzgruppe stürmte hinein. Das Akkordeon setzte ein, andere autochthone Instrumente kamen hinzu, die Frauen schwangen Rockzipfel, die Männer Strohhüte.
Erstaunlicherweise fanden die anwesenden KolumbianerInnen (inklusive der Protagonistin des Films) nichts dabei, sondern haben sich über das Spektakel gefreut. (Es war eine erstklassige Gelegenheit, um zu sehen, dass auch andernorts im Viervierteltakt in die Hände geklatscht wird.) Ich hingegen war ziemlich irritiert, was definitiv nicht nur auf meine generelle Abneigung gegenüber Trachtengruppen zurückzuführen ist.
Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich je an derartige Situationen gewöhnen kann. Ich weiß nur, dass es mir die Koexistenz der beiden Realitäten oft schwer macht, mich zu entspannen. Das bedeutet nicht, dass ich keine schönen Momente erlebe. Aber ein richtiges Urlaubsgefühl stellt sich bei mir nur äußerst selten ein.